Der türkische Aktionsplan für künstliche Intelligenz 2026–2030 ist nach seiner Veröffentlichung im Amtsblatt aufgrund eines Präsidialrundschreibens in Kraft getreten. Damit wurden die im Juni angekündigten Ziele in einen offiziellen, für Institutionen und öffentliche Einrichtungen verbindlichen Rahmen überführt. Der Plan wurde unter der Koordination des Ministeriums für Industrie und Technologie unter Beteiligung des öffentlichen und privaten Sektors, der Universitäten und der Organisationen der Zivilgesellschaft ausgearbeitet.
Alle öffentlichen Institutionen und Einrichtungen sind aufgefordert, die im Plan aufgeführten Verantwortlichkeiten umzusetzen und während der Anwendungsphase die erforderliche Unterstützung bereitzustellen. Der Plan geht davon aus, dass die dafür bereitgestellten öffentlichen und privaten Mittel einen wirtschaftlichen Wert von mehr als einer Billion türkischen Lira schaffen werden.
Vier Säulen und 16 vorrangige Maßnahmen
Der Plan stützt sich auf vier Säulen: „Bewusstsein“, „Nutzung“, „Produktion“ und „Governance“. Jede Säule umfasst vier Maßnahmen. Die erste Säule konzentriert sich auf Alphabetisierung im Bereich künstliche Intelligenz, Fachkräfte, das Datenökosystem und den Rechtsrahmen. Die Säule „Nutzung“ befasst sich mit dem Aufbau der Recheninfrastruktur und der Ausweitung des Einsatzes künstlicher Intelligenz im öffentlichen und privaten Sektor.
Die Säule „Produktion“ umfasst Finanzierung, einheimische Modelle, Robotik und Wachstumszonen für künstliche Intelligenz, während sich die Säule „Governance“ mit internationalen Investitionen, KI-bezogener Diplomatie, regionaler Zusammenarbeit und Sicherheitskontrollen befasst.
Ausweitung der Kompetenzbasis und der Infrastruktur
Der Plan sieht die Einrichtung eines Systems zur Bewertung des Kenntnisstands im Bereich künstliche Intelligenz vor, das in die E-Government-Plattform „e-Devlet“ integriert ist. Dadurch sollen Bürgerinnen und Bürger ihren Kenntnisstand messen und sich an geeigneten Schulungsprogrammen orientieren können. In den ersten 12 Monaten sollen 1,5 Millionen Menschen das nationale Programm zur KI-Alphabetisierung abschließen; innerhalb von zwei Jahren soll diese Zahl auf 5 Millionen steigen.
Der Plan umfasst außerdem die Organisation von Workshops in den 81 türkischen Provinzen sowie die Ausbildung von mindestens 1.000 Ausbildern in den ersten sechs Monaten. Bis Ende 2027 will die Türkei 10.000 hochqualifizierte Fachkräfte und 100.000 Anwender für KI-Anwendungen ausbilden und grundlegende KI-Lehrveranstaltungen an mindestens 50 Universitäten einführen.
Im Datenbereich sieht der Plan die Veröffentlichung von mindestens 2.000 staatlichen Datensätzen in maschinenlesbarem Format in der Nationalen Datenbibliothek vor. Mindestens 100 davon sollen regelmäßig über Programmierschnittstellen zugänglich gemacht werden.
Was ändert sich praktisch?
Der Plan stellt die Rechenkapazität in den Mittelpunkt der Umsetzung. Bis 2030 soll die kombinierte Kapazität von Rechenzentren und KI-Infrastruktur auf 1 Gigawatt steigen. Zudem sollen mindestens 1 Exabyte Speicherkapazität bereitgestellt, das nationale Backbone mit einer Geschwindigkeit von 100 Terabit pro Sekunde angebunden und jährlich Stromabnahmeverträge für 10 Terawattstunden aus kohlenstoffarmer Energie abgeschlossen werden.
Außerdem sollen private Investitionen von mindestens 10 Milliarden Dollar in Rechenzentren, Cloud-Dienste und KI-Infrastruktur gefördert werden. Das Programm „GPU für alle“ wird Start-ups, kleinen und mittleren Unternehmen sowie Forschenden Rechenguthaben zur Verfügung stellen. Es beginnt mit mindestens 2 Millionen GPU-Stunden pro Jahr und soll bis Ende 2028 auf 20 Millionen GPU-Stunden jährlich steigen.
Finanzierung von Unternehmen und sektorale Modelle
Der Plan sieht eine zweistufige Finanzierungsstruktur vor. Der Nationale Forschungsfonds für künstliche Intelligenz soll mindestens 10 Milliarden türkische Lira bereitstellen, während der KI-Wachstumsfonds ein Volumen von 15 Milliarden Lira erreichen und die Finanzierung von mindestens 20 Start-ups in Series-A- und Series-B-Runden oder in der Expansionsphase unterstützen soll.
Bis Ende 2028 will die Türkei mindestens fünf Wachstumszonen für künstliche Intelligenz ausweisen und drei davon in Betrieb nehmen. Außerdem sollen drei regionale Exzellenzzentren und sechs Zugangspunkte eingerichtet werden. In den ersten 12 Monaten werden zudem 1.000 KI-Gutscheine für kleine und mittlere Unternehmen bereitgestellt.
Zu den Zielen gehören die Entwicklung von Basismodellen für die Bereiche Gesundheit, Landwirtschaft, Erdbeben, Energie und Industrie sowie Anwendungen für Robotik, autonomes Fahren, Produktion, Landwirtschaft, Gesundheitsversorgung und Katastrophentechnologien. Darüber hinaus will die Türkei ein gemeinsames großes Sprachmodell für die Turksprachen entwickeln, das die oghusische, kiptschakische und karlukische Sprachfamilie abdeckt, und dessen erste Version bis Ende 2027 in einer Produktionsumgebung starten.
Regulatorische Tests und öffentliche Nachverfolgung
In mindestens fünf vorrangigen Sektoren sollen regulatorische Testumgebungen eingerichtet werden, darunter Finanzen, Gesundheit, Energie, Mobilität und Kommunikation. Für KI-Systeme mit großer Wirkung sollen Bewertungen der algorithmischen Auswirkungen, Modellkarten und Sicherheitstests durchgeführt werden.
Der Nationale Rat für künstliche Intelligenz wird die Umsetzung überwachen. Die Leistung der Institutionen in Bezug auf Ziele, Budgets und Zeitpläne soll über ein öffentliches Fortschrittsportal veröffentlicht werden. Der erste Bericht soll innerhalb von 12 Monaten nach Veröffentlichung des Plans erscheinen; anschließend sind jährliche Berichte vorgesehen.