Künstliche Intelligenz

„Toten-Bots“ definieren die digitale Beziehung zu Verstorbenen neu und werfen Fragen zu Trauer und Identität auf

„Toten-Bots“ basieren auf Nachrichten, Fotos, Aufnahmen und digitalen Daten einer verstorbenen Person, um eine interaktive Simulation von ihr zu erstellen. Sie tauchen zunehmend in privaten und öffentlichen Kontexten auf, etwa bei Gerichtsverhandlungen. Experten zufolge steht ihrem möglichen Nutzen bei der Trauerbewältigung das Risiko gegenüber, die Grenzen zwischen Erinnerung und Existenz zu verwischen, während ausreichende Belege sowie klare rechtliche und therapeutische Standards fehlen.

2026-08-31
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certi.news
„Toten-Bots“ definieren die digitale Beziehung zu Verstorbenen neu und werfen Fragen zu Trauer und Identität auf

Die sogenannten „Toten-Bots“ oder „Trauer-Bots“ nutzen Technologien der künstlichen Intelligenz, um anhand der digitalen Hinterlassenschaften einer verstorbenen Person eine interaktive Simulation zu erstellen, etwa aus Nachrichten, E-Mails, Sprachaufnahmen, Videoclips und Beiträgen in sozialen Medien. Einige Angehörige Verstorbener greifen auf diese Werkzeuge zurück, um erneut eine vertraute Stimme zu hören, Fragen zu stellen, die vor dem Tod nicht gestellt wurden, oder Geschichten, Erinnerungen und das Gefühl der Verbundenheit zu bewahren.

Das Thema ist keine rein theoretische Diskussion über ein „digitales Leben nach dem Tod“ mehr. In den Vereinigten Staaten wurde 2021 das Beispiel von Chris Pelkey bekannt, der im Alter von 37 Jahren bei einem Unfall im US-Bundesstaat Arizona ums Leben kam. Dabei wurde während einer Gerichtsverhandlung vor dem Angeklagten ein mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugter Avatar gezeigt. Die Nachrichtenagentur Anadolu bewertete diesen Fall als einen der ersten großen Vorfälle, bei denen „Toten-Bots“ und das digitale Erbe unmittelbar in das Justizsystem gelangten.

Zwischen Gedenken und fortdauernder Präsenz

Christopher Hall, Geschäftsführer der staatlich unterstützten Organisation Grief Australia, ist der Ansicht, dass die größte Gefahr nicht unbedingt darin besteht, dass Nutzer weniger sensibel gegenüber dem Tod werden, sondern in einer zunehmenden Verwirrung. Das Werkzeug könne die Wiederherstellung einer Erinnerung an eine Person mit der fortgesetzten Interaktion mit einem scheinbar anwesenden Wesen vermischen. Dies könne manchen Menschen bei der Trauer helfen oder es ihnen erschweren, die Realität des Todes zu akzeptieren.

Dr. Katarzyna Nowaczyk-Basinska, Forscherin am Leverhulme Centre for the Future of Intelligence der University of Cambridge, weist darauf hin, dass nach dem Tod erstellte Avatare inzwischen in Wohnzimmern, Museen, Konzertsälen und Gerichten auftauchen. Sie betont jedoch, dass die verfügbaren Daten weiterhin nicht ausreichen, um ihre positiven oder negativen Auswirkungen auf die Trauer zu bestimmen, zumal Trauer eine individuelle, nicht lineare Erfahrung ist, die vom jeweiligen Kontext beeinflusst wird. Daher warnt sie davor, die Interaktion mit diesen Simulationen als einen einheitlichen oder standardisierten Umgang mit Verlust zu betrachten.

Manche Nutzer könnten in der Simulation eines geliebten Menschen während einer schwierigen Zeit Trost finden, während die Erfahrung für andere emotional zerstörerisch sein könnte. Deshalb brachte Nowaczyk-Basinska die Möglichkeit ins Gespräch, diese Technologie als Medizinprodukt einzustufen und sie rechtlichen Standards zu unterwerfen sowie unter der Aufsicht von Fachleuten wie Psychologen oder Psychiatern einzusetzen. Dieser Ansatz bleibt dem Artikel zufolge ein Vorschlag, der mit der Notwendigkeit verbunden ist, den Bereich zu regulieren, und stellt keinen angekündigten oder bereits angewandten Rahmen dar.

Die Simulation ist keine Reproduktion des Bewusstseins

Nowaczyk-Basinska zieht klare Grenzen für die derzeitigen Fähigkeiten der Technologie: Ein „Toten-Bot“ enthält nicht den verstorbenen Menschen, sondern ahmt lediglich einige seiner Eigenschaften nach. Die Rede von einer Digitalisierung des Todes im Sinne einer Übertragung des Bewusstseins einer Person in eine andere Umgebung würde dagegen einen andersartigen Fortschritt voraussetzen, nämlich die Möglichkeit, Bewusstsein auf ein computerähnliches Medium zu übertragen. Dies wird durch die im Artikel genannte Technologie nicht belegt.

Dementsprechend besteht die treffendste Beschreibung dieser Systeme darin, dass sie einen „überzeugenden Stellvertreter“ der verstorbenen Person schaffen, nicht darin, dass sie die Person selbst zurückbringen oder digitale Unsterblichkeit verwirklichen. Die Forscherin warnte außerdem davor, diese Werkzeuge als verlässliche Brücke zu einem gesunden Abschied zu betrachten, insbesondere wenn sie von kommerziellen Unternehmen eingesetzt werden.

Was verändert sich in der Praxis?

Die Einschätzung der Auswirkungen von „Toten-Bots“ auf das Konzept des Todes fällt unterschiedlich aus. Professor Darcy Harris, Spezialist für Thanatologie am King’s University College der Western University in Kanada, ist der Ansicht, dass der Tod Tod bleibt und dass selbst der beste von künstlicher Intelligenz erzeugte digitale Zwilling die tatsächliche Existenz eines Menschen nicht ersetzen kann. Er schließt jedoch nicht aus, dass sie manchen Menschen dabei helfen könnten, eine symbolische Verbindung zu einem Verstorbenen zu bewahren, ähnlich wie beim Schreiben von Briefen an eine verstorbene Person.

Gleichzeitig könnten sich Gedenkrituale in Zukunft verändern, wenn einige Aktivitäten der jüngeren Generationen zunehmend ins Internet verlagert werden. Harris erwartet, dass die Technologie bei Gedenkzeremonien oder in therapeutischen Arbeiten eingesetzt wird. Dabei müsse den Familienmitgliedern mitgeteilt werden, wie die Daten des Verstorbenen zur Erstellung dieser Systeme verwendet werden.

Die Einschätzung von certi.news: Die tatsächliche Veränderung besteht hier nicht im Nachweis einer Übertragung des Bewusstseins oder in der Abschaffung des Todes, sondern darin, dass digitale Hinterlassenschaften in eine Oberfläche umgewandelt werden, die Stimme, Verhalten und Antworten nachahmt. Dies erweitert den Bereich der Verwaltung digitaler Identität nach dem Tod, klärt jedoch nicht, wem die Daten gehören, wer ihrer Nutzung zustimmt und wie Nutzer zwischen Erinnerung und Simulation unterscheiden können. Das Fehlen ausreichender Belege für die psychischen Auswirkungen sowie das Fehlen einheitlicher Standards, die in der Quelle genannt werden, machen den Einsatz bei der Trauer oder vor Gericht zu einem Bereich, der vor seiner Normalisierung einer rechtlichen, ethischen und fachlichen Prüfung bedarf.

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Anadolu Agency Technology
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