Der Wechsel von Chris Degnan von seiner Rolle als Berater des Vorstands von Factory zum Chief Revenue Officer bei deren Konkurrenten Cognition entwickelte sich zu einem öffentlichen Streit über Vertraulichkeit und Interessenkonflikte in der Branche für KI-gestützte Programmieragenten.
Matan Grinberg, Mitgründer und CEO von Factory, erklärte in einem am Mittwoch auf der Plattform X veröffentlichten Beitrag, dass er Degnans Tätigkeit als Vorstandsberater beendet habe, und beschuldigte ihn, vertrauliche Informationen an Cognition weitergegeben zu haben, das laut Grinberg Factorys größter Konkurrent ist. Rund zwei Stunden später gab Degnan seinen Wechsel zu Cognition über X und LinkedIn bekannt. Er wies die Darstellung einer Entlassung zurück und sagte, er habe gekündigt, als er Grinberg mitgeteilt habe, dass er die neue Stelle annehmen werde.
Zwei widersprüchliche Darstellungen
Grinberg zufolge hatte Degnan zuvor eingeräumt, ein „flüchtiges“ Gespräch mit einer Führungskraft von Cognition geführt zu haben, zugleich aber versichert, dass er nicht für den Konkurrenten arbeiten wolle. Grinberg fügte hinzu, Degnan habe am Montag offengelegt, dass er sich in fortlaufenden Gesprächen mit Cognition befunden habe. Dies habe Bedenken darüber ausgelöst, welche Informationen Degnan während der Sitzungen von Factory erhalten hatte und ob er davon etwas weitergegeben habe oder künftig weitergeben könnte.
Degnan erklärte dagegen, dass die letzte Vorstandssitzung von Factory, an der er teilgenommen habe, Wochen vor jeglichem Kontakt mit Cognition stattgefunden habe, und bestritt, vertrauliche Informationen geteilt zu haben. Außerdem sagte er, Grinberg habe ihm eine Vollzeitstelle bei Factory angeboten, als er ihn über seinen Rücktritt informiert habe, doch er habe sie abgelehnt.
Degnan war zuvor der erste Vertriebsmitarbeiter von Snowflake und anschließend 11 Jahre lang dessen Chief Revenue Officer. Er war fünf Monate lang Partner bei RPT Partners, dem Investor von Factory, und ist außerdem Berater für Start-ups im Bereich Markterschließung bei der Investmentgesellschaft Iconiq. Er gab bekannt, dass RPT Partners und deren Managing Partner Chad Peets mit Cognition zusammenarbeiten werden.
Zwei große Wetten in einem Markt
Factory wurde vor drei Jahren in San Francisco gegründet und entwickelt Softwareagenten, die Programmieraufgaben weitgehend autonom ausführen können. Das Unternehmen nahm in diesem Monat 200 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 5 Milliarden Dollar auf. Zu seinen Kunden gehören Nvidia, Blackstone, Royal Bank of Canada, Palo Alto Networks, Adobe und T-Mobile.
Cognition, der Entwickler des Programmieragenten Devin, nahm im selben Monat weitere 2 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 48 Milliarden Dollar auf. Zu seinen Kunden gehören Mercedes-Benz, NASA, Goldman Sachs und Citi. Khosla Ventures investiert in beide Unternehmen, was die Debatte über die Grenzen von Investorenbeziehungen verschärfte, wenn sich Unternehmen im selben Wettbewerbsmarkt befinden.
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Die Quelle belegt nicht, dass Informationen von Factory tatsächlich an Cognition weitergegeben wurden. Zudem legen beide Seiten unterschiedliche Darstellungen zum Zeitpunkt der Gespräche und des Rücktritts vor. Der Vorfall offenbart jedoch praktisch eine wichtige Schwachstelle in der Governance: Der Zugang zu Diskussionen oder Sitzungen des Vorstands kann mit Verhandlungen über eine Stelle bei einem direkten Konkurrenten kollidieren, noch bevor die Arbeit offiziell begonnen hat.
Auch andere Investoren und Führungskräfte schalteten sich in den Streit ein. Vinod Khosla, Gründer von Khosla Ventures, beschuldigte Grinberg der Lüge und bezeichnete Factory als Konkurrenten „zweiter Klasse“. Keith Rabois, Partner des Unternehmens, sagte dagegen, es sei unethisch, während der Teilnahme an Vorstandssitzungen und mit Zugang zu Informationen auf Vorstandsebene ein Vorstellungsgespräch bei einem Konkurrenten zu führen. Scott Wu, Mitgründer und CEO von Cognition, erklärte, sein Unternehmen sei nicht an Informationen von Factory interessiert, betonte jedoch seinen Respekt für den kleineren Konkurrenten.
Der Fall kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Rollen von Investoren und Vorstandsmitgliedern in konkurrierenden Unternehmen zunehmend unter die Lupe genommen werden. Berichten zufolge untersucht das US-Justizministerium die Rollen von Partnern von Andreessen Horowitz in den Vorständen konkurrierender Unternehmen. Die Quelle gibt nicht an, ob Factory oder Cognition rechtliche Schritte eingeleitet haben. Das Unternehmen und die betroffenen Parteien reagierten außerdem nicht umgehend auf Bitten um eine Stellungnahme.